Die quasi sinnlose Mauer in einer quasi bedeutungslosen Gegend
Als Mitglied der Künstlergruppe PRÄKUSCHA habe ich im 2018 an einem 3-wöchigem Artists-in-Residence-Programm „Kunstluft“ teilgenommen. Am 8. Juni 2018 habe ich in einer Geröllhalde oberhalb der Alb Partnun / St. Antönien eine Mauer zu bauen begonnen. Ich spannte zwei blaue Schnüre, diesen entlang sollen die Steine gelegt werden. Es liegt auf der Hand, dass ich vor allem zu Beginn, belächelt wurde. Denn wer baut schon mitten in einer öden Gerölllandschaft eine Mauer und nennt dies auch noch Kunst? Mehrmals wurde ich gefragt, ob ich Angst hätte, die Russen kämen (Bezugnehmend auf den kalten Krieg). Steht die Mauer doch nur wenige 100 Meter unterhalb der österreichischen Grenze.
Das korrekte, gradlinige Arbeiten der Schnur entlang, hat bald dem spontanen aufeinanderlegen von Steinen Platz gemacht. Denn immer wieder wird mir Hilfe angeboten und ich will meine willigen Helfer nicht mit steter Mahnung verärgern.
Auch nach den drei Wochen setze ich mein Projekt Mauerbau fort - bis heute. Dabei kommt es immer wieder zu Begegnungen mit Freunden, Bekannten oder zufällig vorbei wanderden Leuten. Es entstehen interessante, spannende, aber auch lustige Gespräche. So gut wie möglich wird das Mitarbeiten an der Mauer von mir gefordert. Denn alle, die auch nur einen einzigen Stein auf die Mauer setzen, werden automatisch Teilbesitzerin dieses Werkes.
Es kreiert sich der Titel
DIE QUASI SINNLOSE MAUER IN DER QUASI BEDEUTUNGSLOSEN GEGEND
Nicht nur die Mauer wird immer grösser, sondern auch ein Ort der Begegnung wächst heran. Der Ort und die Mauer gewinnen durch das Arbeiten sukzessive an Bedeutung. 2023 feierten wir das fünfjährige Jubiläum. Nach kurzem Arbeitseinsatz gab es ein grosses Picknickbuffet mit selbst mitgebrachten Köstlichkeiten. Das Mitarbeiten an einem Ort der Begegnung und zugleich Miteigentümer eines Kunstwerks zu werden, hat so seinen Reiz. Aber auch das anschliessende Buffett, bei dem alle einen Beitrag leisten, ist zu einem unverzichtbaren Happening geworden.
So wird aus der „QUASI SINNLOSEN MAUER“ die „SINNSTIFTENDE MAUER“.
Dass eine Mauer – eigentlich Symbol von Trennung und Abgrenzung – Menschen miteinander verbindet und sie einander näherbringt, habe ich zu Beginn nicht für möglich gehalten. Die Tatsache jedoch, dass sich die Bedeutung einer Mauer schon innerhalb so kurzer Zeit ändern kann, stimmt mich nachdenklich. In den letzten Jahren wurden Mauern niedergerissen und Grenzen geöffnet. Die Menschen sind sich nähergekommen. Es herrscht das Gefühl von Frieden.
Doch dann, gefühlt auf einen Schlag, wird es anders. Wir üben nicht mehr mit Übungsmunition. Wir rüsten unsere Armeen auf. Die Angst vor Krieg ist in letzter Zeit gewachsen. Wir werden aber auch von anderen Ereignissen bedroht, sofern es uns nicht gelingt, sie zu verdrängen. Sinnstiftende, analoge Spielräume, wie hier in Partnun, werden immer wichtiger - weil wir uns austauschen müssen und erfahren, dass wir nicht alleine sind.








